Unterwegs mit dem Nobelpreisträger Carl Spitteler in der Gotthard-Region

22.05.2020

Ein Gastbeitrag von Faun

Carl Spitteler, der (bisher) einzige gebürtige Schweizer Literaturnobelpreisträger, bemerkte 1896 in einem Brief an seinen Kollegen und Förderer Joseph Viktor Widmann:

"Ich hasse im Grunde die Berge, weil sie kälten und dem Himmel, also der Lichtkugel Stücke wegfressen, den Horizont verringern; ich verachte die unbelebte Natur, […..] A propos Gotthard und meine alpine Natur: meine Lieblingsphantasie ist jetzt, den Gotthard mit allen Alpen mit Dynamit in die Luft zu sprengen auf die andre Seite, gegen Norden, damit wir italiänische Luft direct bekämen."

Dabei hatte Spitteler im Jahr 1894 von der Gotthardbahn-Gesellschaft den Auftrag erhalten, als Marketingmaßnahme einen Reiseführer über den Gotthard zu schreiben. Zunächst hatte Spitteler noch gezögert, aber die für damalige Verhältnisse fürstliche Vergütung von 7.000 Schweizer Franken und die Aussicht auf jährliche Freikarten für die Erste Klasse konnten ihn letztendlich motivieren, mit dem Vorhaben zu beginnen. Über dreißig Mal reiste der Schriftsteller in den folgenden Jahren mit der Bahn in die Gotthardregion und schrieb sehr unterhaltsam und in den höchsten Tönen lobend über seine Bahnfahrten und Wanderungen, die Landschaft, das Wetter und die Geschichte der Gotthardüberquerung.

Ende des Jahres 1986 konnte man das Buch (auf 1897 vordatiert) bereits für drei Franken in Schweizer Buchhandlungen erwerben, noch bevor Spitteler selbst eins der 4.000 Exemplar in Händen halten konnte.  Die Gotthardbahn-Gesellschaft lieferte Hunderte von Exemplaren für die Lesezimmer größerer Hotels in Kurorten und Seebädern sowie Bibliotheken der wichtigsten Passagierdampfer der Welt aus.

Nun darf man sich Spitteler aber nicht als eine Art Wanderpionier und Bergfex vorstellen, sondern für ihn als „ziemlich verwöhnten Stadtmenschen“, wie er sich selbst bezeichnete, war es wichtig, nur auf „erträgliche und gefahrlose Pfade … mit menschenwürdigen Herbergen zum Übernachten“ zu führen: „Entbehrungen aber und übermässige Anstrengungen empfinde ich als Körperstrafen und zwar, wie ich mir schmeichle, als unverdiente, weswegen ich mich ihnen einfach entziehe.“ Zur Beruhigung seiner Leser stellte er außerdem klar, dass „ich alle meine Fussreisen in Gesellschaft meines achtjährigen Töchterchens unternehme, dem sich etwa noch ein liebenswürdiges Gespielchen freudig zugesellt, wenn Gelegenheit und Ferien günstig sind.“ Aus diesem Grund gab Spitteler auch häufig der Fahrt mit der Kutsche den Vorzug vor dem Fußmarsch.

Genauso wenig wie Anstrengungen schätzte Spitteler das Gottharder Lokalkolorit. Er fühlte sich zwar verpflichtet, die berühmten Bernhardinerhunde zu erwähnen, betrachtete diese aber nicht nur als unnütz für die Reisenden, sondern sogar als nächtliche Störenfriede: „Einer treibt sich des Nachts auf der Strasse herum, der andere im Hausgang des Gasthofes, von wo sie nun jeden mit doppelstimmigem Löwengebrüll begrüssen, begleiten und verabschieden.“ Spitteler war auch kein Freund des Rummels - vorbeifahrende Gasthofomnibusse und Kutschen, bettelnde Kristallhändler und plärrende Edelweissbuben -, den man am Gotthard damals stellenweise bereits erleben konnte.

Eine zweite Auflage des Reiseführers verhinderte Spitteler 1922, das Buch war ihm zu populär geworden und er hatte inzwischen ein zwiespältiges Verhältnis zu seinem Auftrag. Ursprünglich hatte er sogar an eine anonyme bzw. lediglich mit seinen Initialen versehene Veröffentlichung gedacht. Jetzt, nachdem er 1920 (rückwirkend für 1919) den Nobelpreis für Literatur erhalten hatte, wirkte dieser Reiseführer, im Grunde nichts anderes als ein sehr gut bezahlter Werbetext, wie ein Fremdkörper in seinem Werk.

Dessen ungeachtet sind in Spittelers Versepos „Olympischem Frühling“ aus dem Jahr 1905, für das er insbesondere den Nobelpreis erhalten hatte, deutliche Anklänge an die Gotthard-Landschaft zu finden. Und auch in der bereits im Jahr 1888 erschienen Erzählung „Xaver Z’Gilgen“ spielt sich ein wesentlicher Teil der Handlung im Gotthard-Gebiet ab.

Gestartet hat Spitteler seine Gotthard-Ausflüge von Luzern aus, wo er sich 1893 niedergelassen hatte und wo er auch 1924 gestorben ist. Wohl auch wegen Aufsätzen wie „Luzern als Ausflugsstation“ hatte sich die Direktion der Gotthardbahn-Gesellschaft, die ihren Sitz am Luzernerhof hatte, für Spitteler als Werbetexter entschieden. Die Carl Spitteler Stiftung bietet einen Rundgang im Rahmen von Luzern Tourismus zu den Lieblingsorten des Dichters in seiner Wahlheimat an, den man hier auch in digitaler Form unternehmen kann:
https://carlspitteler.ch/spaziergang/

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»Landschaft wird erst schön, wenn
Dichter sie beschreiben.«

Marcel Reich-Ranicki

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