Spät war es, so spät

1994 gewann James Kelman (geb. 1946) als erster von bisher nur zwei Schotten den Booker Preis für seinen Roman „How late it was, how late", der sich - wie die meisten seiner Werke - mit dem Leben der Arbeiter- und Unterschicht in Glasgow befasst. Damit schlug er Konkurrenten wie den späteren Nobelpreisträger Abdulrazak Gurnah („Paradise"), aus dem Feld. Nach der Preisverkündung kam es aufgrund seines typischen Stils, der massiv schottischen Dialekt und haufenweise Schimpfwörter bzw. Flüche enthält, zur Zuspitzung einer bereits länger andauernden Kontroverse in den britischen Feuilletons. Da in Kelmans Roman geschätzt rund 4.000 Mal das Wort oder Variationen von „fuck" vorkomme (dreimal mehr als in seinen bisherigen Romanen), sei es eine Schande, dass es den Preis für einen solchen Mist („crap") gebe, so Rabbi und Booker-Preisrichterin Dr. Julia Neuberger. Ein Kritiker der Sunday Times sprach von „literarischem Vandalismus" und in Scotland o n Sunday wurde Kelmans Schreiben als „Gossensprache über die unvorstellbar geistlosen Beschäftigungen des Abschaums der Gesellschaft" bezeichnet. Eine genaue Zählung ergab später, dass das Wort „fuck" bzw. Variationen davon „nur" 2.114 Mal im Buch vorkommen. In dem Roman wacht der Ex-Knacki und Gelegenheitsdieb Sammy (bürgerlich: Mr. Samuels) nach einem durchzechten Wochenende an einer Straßenecke auf und kann sich kaum noch an etwas erinnern. Auf dem Weg nach Hause provoziert er eine Schlägerei mit zwei Polizisten und wird in eine Zelle gesteckt. Dort wird er von den diensthabenden Beamten derart verprügelt, dass er das Augenlicht verliert. Im weiteren Verlauf des Romans schlägt sich Sammy nun blind durch die Welt und der Leser ist ganz auf Sammys beschränkte Wahrnehmung angewiesen. Nach seiner Entlassung verkriecht sich Sammy zunächst in der Wohnung seiner spurlos verschwundenen Freundin Helen, wo er später ein Lager mit gestohlenen Waren entdeckt. Und er g erät in die Mühlen der Bürokratie: Weil ein arroganter Amtsarzt Sammy nicht glaubt, dass er wirklich blind ist, weigert sich das Sozialamt, ihn als bedingt erwerbsfähig einzustufen und seine Sozialhilfe entsprechend zu erhöhen. Obendrein wird er von der Polizei, beobachtet, weil diese glaubt, dass er Kontakt zu einer politischen Untergrundorganisation hat. Ein nicht enden wollender Alptraum... In der NZZ lobt Michael Schmitt die große Leistung der Übersetzerin Silvia Morawetz, die eine „flüssig zu lesende" deutschsprachige Fassung geschaffen habe, die sich an die „Sprache der Straße" anlehnt, ohne sich anzubiedern. Ein durchaus origineller, gesellschaftskritischer Roman, dessen etwas eintöniger Stil auf über 400 Seiten auf die Dauer aber doch etwas anstrengend und ermüdend zu lesen ist.

Handlungsorte

»Heimat entdeckt man erst in der Fremde.«
Siegfried Lenz

Buchdetails

Handlungsorte
Glasgow
Buchdaten
Titel: Spät war es, so spät
AutorIn: Kelman, James
Kategorie: Roman / Erzählung von 1994
LeserIn: Faun
Eingabe: 26.12.2021


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